© MATTHIAS HAEMISCH, TEL.: 0521/52133-34 FAX -36 E-MAIL :MHaemisch@aol.comDieses Manuskript steht Lesern kostenfrei zur Verfügung. Vervielfältigung nur mit
Zustimmung des Autors.
MANUSKRIPT Stand: 19.05.96
ca.188 Zeilen a 35 Zeichen, ca. 906 Wörter, 6187 Zeichen
UMWELTMANAGEMENT IN DER TEXTILINDUSTRIE
Auf dem Weg zu einem neuen Qualitätsverständnis.
Ein Zauberwort geht um im Umweltschutz. Das EU-Öko-Audit soll Unternehmen auf den rechten Umweltweg bringen und durch Eigenverantwortung der
Produzenten ein Mehr an Umweltvorsorge bewirken. Firmen, die sich mit dem begehrten Zertifikat schmücken wollen, setzen sich selbst neue Ziele im Umweltschutz und tun dies öffentlich kund. Durch
ein betriebliches Umweltmanagement-System, also Organisationsstrukturen und Ausbildung der Mitarbeiter sollen die Umweltziele systematisch verfolgt werden. Betriebe, die an diesem Verfahren
teilnehmen wollen, verpflichten sich zu kontinuierlichen Verbesserungen im Umweltschutz. Von Jahr zu Jahr ein bißchen sauberer. Zugleich sind die Teilnehmer an diesem Verfahren verpflichtet, ihre Ziele
und die zugehörigen Zahlen, wie z.B. die anfallenden Abfallmengen oder die Abwasserzusammensetzung in Umweltberichten zu veröffentlichen. Das "gläserne Unternehmen" unter der Kontrolle
der Bürger. Zugelassene Umweltgutachter prüfen in regelmäßigen Abständen, ob die Umweltberichte den Tatsachen entsprechen und ob tatsächlich Fortschritte gemacht wurden.
Mittlerweile sind in
Deutschland die ersten Unternehmen zertifiziert und auch in der Textilindustrie wurden erste Zertifikate vergeben. Für die Textilwirtschaft stellt die Teilnahme am Öko-Audit und der Aufbau von
Umweltmanagement-Systemen jedoch hohe Anforderungen. In kaum einer anderen Branche sind die Produktionsstufen so kompliziert vernetzt wie im Textilsektor. Von der Baumwollpflanze zur fertigen
Jeans bedarf es zahlreicher Produktionsstufen - und jeder Schritt bringt eigene Umweltprobleme mit. Für den Markenhersteller stellt sich das Problem, über alle Produktionsstufen hinweg, die
Herkunft seiner Vorprodukte zurückverfolgen zu müssen. Nur so können halbwegs sichere Aussagen über die Umweltverträglichkeit der Ware getroffen werden.
Bereits mittelständische Unternehmen der
Bekleidungsindustrie beziehen ihre Stoffe häufig von mehr als 150 verschiedenen Herstellern, in der Regel aus verschiedenen Ländern. Ca 90% der in Deutschland verkauften Kleidung wird zumindest in
Teilschritten im Ausland produziert. Schwer, unter solchen Bedingungen sicherzustellen, daß ökologisch unbedenkliches Material eingesetzt wird. Der Hersteller der Stoffe wiederum läßt das Rohmaterial
oft bei verschiedenen Veredelungsbetrieben ausrüsten. Auch hier ist eine Kontrolle natürlich schwierig. Umgekehrt stehen umweltorientiert arbeitende Veredler vor dem Problem, für eine Vielzahl
von Kunden zu arbeiten. Manche darunter bestehen auf so exakt definierten Farbtönen und Eigenschaften, daß der Veredler gezwungen ist, mit Färbesystemen bestimmter Hersteller zu arbeiten. Die
Zulieferer der Autoindustrie sind beispielsweise gezwungen, in der Färbung und Veredelung so exakte Vorgaben einzuhalten, daß die Bezüge von Fahrer- und Beifahrersitz auch dann völlig identisch
sind, wenn sie von unterschiedlichen Lieferanten und aus unterschiedlichen Produktionslinien stammen. Damit bleibt den Veredelungsbetrieben kaum Spielraum ökologischere Veredelungsmethoden
einzusetzen. Der Kunde bestimmt das Verfahren.
Umweltorientierte Produktion von Bekleidung ist daher vor allem ein Problem der Kommunikation und Abstimmung innerhalb der komplizierten
Produktionsstufen. Firmen wie der Naturmodehersteller Hess-natur, die bereits über Jahrzehnte Erfahrung in der Herstellung ökologischer Produkte besitzen, haben deshalb im Laufe der Zeit ihre
Warenbeschaffung auf wenige Zulieferer beschränkt. Mit diesen Zulieferern besteht ein ständiger Dialog, so daß exakte Absprachen über die Verarbeitungsprozesse getroffen werden können. Das geht bei
Hess-natur so weit, daß die Mitarbeiter der Qualitätssicherung bereits die Produzenten der Rohbaumwolle in Ägypten und der Türkei kontrollieren, beraten und eigene Anbauprojekte initiieren.
Größere Hersteller, wie die Firma Steilmann lassen sich von ihren Zulieferern einen eigens entwickelten Artikelpass ausfüllen, in dem die Zulieferer Aussagen zu den Veredelungsprozessen und
möglichen Inhaltsstoffen machen, aber auch Fragen zur Klärung der Abwässer beantworten müssen. Firmen wie Steilmann, als einer der größten Bekleidungshersteller in Europa, können es sich auch
erlauben, neben der Hauptproduktion einzelne Produktmarken auf den Markt zu bringen, die hohen ökologischen Anforderungen entsprechen. Auch wenn diese Linien zunächst wirtschaftlich unrentabel bleiben,
so gewinnt das Unternehmen doch eine Menge know how und Information über Zulieferer, die umweltverträglicher produzierte Ware anbieten. Dieses know how kann später, je nach Anforderungen des
Marktes, relativ schnell auch auf die konventionellen Marken übertragen werden. Und natürlich besitzen diese Firmen eine enorme Marktmacht, die es ihnen erlaubt, vom Lieferanten bestimmte
Produkteigenschaf-ten und Produktionsmethoden zu verlangen.
Besonders schwierig ist es für die kleineren Unternehmen. Sie kaufen ihre Stoffe häufig auf Messen von immer wieder anderen
Herstellern. Die Stoffhersteller verlangen von den Abnehmern in der Regel die Abnahme bestimmter Mindestmengen. Dadurch wird es für kleine Marken oft schwer, überhaupt Lieferanten zu finden, die
für ihren relativ kleinen Bedarf liefern wollen. Aus so einer Position heraus dann auch noch auf bestimmte Produktionsbedingungen der Lieferanten zu achten, ist beinahe unmöglich.
In der
Bekleidungsindustrie denkt man kurzfristig und in Modetrends. Erfolgreiches Umweltmanagement in der Textilherstellung ist aber nicht in ein paar Monaten zu realisieren. Und "Öko-Mode"
ist eben auch kein Modetrend" sondern bedeutet ein dauerhaftes Interesse des Kunden an ökologisch einwandfreier Ware. Es geht eben nicht darum, einen kurzfristigen Trend zu bedienen, sondern
langfristig ein neues Qualitätsverständnis im Textilbereich, speziell in der Bekleidung zu entwickeln. Der Weg dahin ist in der Textilindustrie ungleich schwerer als in vielen anderen Branchen.
Umweltmanagement in der Bekleidung bedeutet vor allem, ökologische Qualtitätsmaßstäbe zu entwickeln, dauerhaftere Beziehungen zu Lieferanten aufzubauen und gemeinsame Wege zu einer
umweltschonenderen und humanökologisch einwandfreien Ware zu entwickeln. Und dies vor dem Hintergrund, daß keine ganz schnellen Markterfolge winken.
Andererseits zeigen Untersuchungen, daß die
Kunden sich über die ökologische Qualität ihrer Kleidung zunehmend Gedanken machen. Die Informationen der Hersteller und des Handels hierzu werden als völlig unzureichend empfunden. Das Mißtrauen
in die "zweite Haut" wächst. Bislang ist es keinem der bekannteren Markenhersteller gelungen, bei den Kunden in dieser Hinsicht Profil und Glaubwürdigkeit zu gewinnen. Herstellern, die
Umweltqualität nicht als Modetrend einer Saison verstehen und die nicht auf den kurzfristigen Erfolg einer Öko-Kollektion" setzen, winkt hier ein großer Markt. Eine ökologische und
humanökologische Produktion muß Teil des Qualitätsverständnisse der Hersteller und der Kunden werden.
Ein Umweltmanagement, wie es das Öko-Audit der Europäischen Gemeinschaft vorsieht, kann so
eine Entwicklung im Unternehmen initiieren und steuern. Dabei geht es nicht darum, in der nächsten Saison alles anders zu machen, aber mit der kontinuierlichen Verbesserung jetzt zu beginnen und
diese dann systematisch fortzusetzen.
Matthias Haemisch
Unternehmensberatung im Umweltschutz
Falkstr. 9, D-33602 Bielefeld,
Tel: +49 (0) 521/52133-34
Fax: +49 (0) 521/52133-36